Da die Spritkrise in Burundi nun schon eine ganz Weile andauert, berichten wir hier mal etwas ausführlicher.
Angefangen hat die Krise vor ca. 3 Jahren, im November 2021. Zunächst war es so, dass es nur phasenweise schwierig war, Sprit zu bekommen. D.h. es gab ca. alle 3 Wochen eine kurze Phase, in der es wenig Tankstellen mit Sprit gab und daher bildeten sich dort lange Schlangen. Das war mühsam, aber man konnte die schwierigen Phasen überbrücken, wenn das Auto in der guten Phase noch vollgetankt werden konnte. Doch im Lauf der Zeit wurden die Abstände zwischen den guten Phasen immer größer. In den guten Zeiten versuchten wir, ein paar Kanister Reserve zu füllen. Doch auch das Abfüllen von Sprit in Kanister wurden von der Regierung letztes Jahr verboten.
Die Situation verschärfte sich im vergangenen Jahr 2024 weiter, sodass man sagen kann, dass es keine guten Phasen mehr gab. Außer 3 Wochen im September, in denen die Stadt auf einmal wieder von vielen Tankwägen geflutet wurde (vermutlich weil in dem Monat ein Kongress stattfand, zu dem viele ausländische Gäste erwartet wurden, und da will man das Land natürlich von der besten Seite zeigen). Aktuell gibt es seit zwei Wochen in der Stadt keine einzige Tankstelle, die Sprit hat. So schwierig war es noch nie.
Es gibt viele Gerüchte darüber, warum die Regierung dieses Problem nicht in den Griff bekommt. Burundis Wirtschaft ist schwach und es wird nur wenig exportiert, sodass der Regierung weniger Dollars zur Verfügung stehen, um Treibstoff einzukaufen. Außerdem hatte sich die Regierung von einem einzigen Anbieter abhängig gemacht. Als es mit diesem Anbieter einen Konflikt gab, stoppte er kurzerhand weitere Treibstofflieferungen nach Burundi und die Tankwägen standen an den Landesgrenzen, bis die Regierung sich auf einen neuen Preis mit ihm geeinigt hatte.
Auf dem Foto links sieht man eine endlos lange Schlange von Taxis. Sie warten an einer nur für Taxis vorgesehenen Tankstelle auf Sprit.
Umgang mit der Spritkrise
Viele Burundier begannen, in den Nachbarländern Sprit zu kaufen. Doch das bedeutet unter anderem, Grenzposten zu bestechen, höhere Preise zu bezahlen und die Unsicherheit in Kauf zu nehmen, ob in den angebotenen Kanistern wirklich reiner Treibstoff ist oder ein verdünntes Gemisch. Das war für uns als Missionare also aus mehreren Gründen keine Option.
Im Lauf des vergangenen Jahres hat die Regierung viele Gesetze und Regeln erlassen, die das Chaos an den Tankstellen verringern sollen. Aber gleichzeitig machen diese Regeln es den Menschen hier noch schwerer als es sowieso schon ist. So gibt es nun beispielsweise klare Regeln, an welchen Wochentagen welche Autokennzeichen-Konstellationen tanken dürfen. Das hilft, um die Schlangen zu verkürzen, weil sich nicht alle anstellen können. Aber gleichzeitig heißt das, wenn man an dem Wochentag keinen Sprit bekommt, an dem man eigentlich laut Regelung dran wäre, weil man z.B. zu weit hinten in der Warteschlange stand, dann hat man Pech gehabt. Das ist sehr frustrierend. Zuvor standen Leute oft mehrere Tage und Nächte in der Warteschlange und haben sich langsam „vorgearbeitet“. Das geht nun nicht mehr. Auch das Übernachten im Auto an der Tankstelle wurde verboten.
Die Situation an den Tankstellen wird häufig als ungerecht empfunden. Manchmal steht man stundenlang an, nur um dann zu sehen, wie VIPs vorgelassen werden und der Sprit alle ist. Burundi ist eine Beziehungskultur. Daher versuchen die Menschen natürlich, ihre Beziehungen spielen zu lassen, um sich einen Platz an der Zapfsäule zu ergattern.
Gerade zu Beginn der Spritkrise zeigte sich die hohe Frustration der Menschen oft in heftigen Auseinandersetzungen an der Tankstelle. Man sah streitende, schreiende Menschen und Autos, die sich versuchen, von allen Seiten reinzudrängeln.
Daher wurde später vermehrt Polizei an den Tankstellen eingesetzt. Doch auch das war nicht immer die Lösung. Ein Tankstellenbesitzer erzählte, dass er unglaublich unter der Situation leidet und am liebsten, sein Business aufhören würde. Wegen dem Chaos und dem Gedrängel an seiner Tankstelle bat er die Polizei um Hilfe. Doch als die Polizisten kamen, wurde die Ungerechtigkeit noch größer. Da die Polizisten nun alle ihre Freunde und Verwandten einschleusten. Dagegen kann er nichts machen.
Seit ein paar Monate soll eine neu eingeführte App Ordnung schaffen. Jeder musste sein Fahrzeug registrieren und es wird nachverfolgt, wer wann, wo, wie viel getankt hat. Je nach Fahrzeug-Größe erhält man nur ein bestimmtes Kontingent an Sprit. So soll der Sprit fairer aufgeteilt werden. So ist die Regierung mit der „Instandhaltung der Krise“ beschäftigt anstelle sie zu lösen. Wir wissen wirklich nicht, wann sich die Lage dauerhaft bessert.
Tanken zu gehen ist eine sehr herausfordernde Aufgabe geworden. Es geht viel darum, zum richtigen Zeitpunkt mitzubekommen, wann welche Tankstelle Sprit bekommt und sich rechtzeitig anzustellen. Wir sind dankbar, dass wir einen zuverlässigen burundischen Freund haben, der gute Beziehungen hat und uns oft helfen konnte das Auto zu tanken. Aber es ist oft ein Kampf und Krampf, der sich mehrere Tage zieht. An manchen Tagen hat man Glück und an manchen Tagen ist der Sprit aus, kurz bevor man selbst dran gekommen wäre.
Im vergangenen Jahr hieß das häufiger: Pläne ändern. Wir konnten nicht wie geplant, als Team auf ein Retreat fahren. Wir konnten Theo nicht regelmäßig zum Nachmittagssport in der Schule anmelden. Wir konnten viel seltener als gewünscht, Freunde treffen. Wir konnten nicht wie geplant, in den Urlaub fahren…
Das ist einfach unglaublich frustrierend. Und ihr merkt, in unserem Fall waren es meist „nur“ Luxus-Dinge, auf die wir verzichten mussten. Für viele Burundier hat sich die Spritkrise noch viel existenzieller ausgewirkt.
Auswirkungen der Spritkrise
Wir haben im Lauf der letzten Monate Geschichten gehört, die uns sehr bewegt haben. Ein Vater erzählte, dass er seit Wochen zu Fuß zur Arbeit läuft, weil sie keinen Sprit im Auto haben. Daher muss er morgens früh das Haus verlassen, bevor seine Kinder aufgestanden sind. Wenn er abends spät wieder zuhause ankommt, schlafen sie bereits. So hat er seine Kinder wochenlang nicht gesehen. Bis zu dem Punkt, an dem eines seiner Kinder dachte, er habe sich eine neue Familie gesucht.
Viele Leute hier in der Stadt laufen nun täglich mehrere Stunden zu Fuß zur Arbeit. Denn der Andrang auf die wenigen Busse, die noch fahren, ist so groß, dass es oft unmöglich ist, einen Bus zu bekommen. Diese Menschen spüren die Auswirkungen der Spritkrise jeden Tag.
Taxipreise sind enorm gestiegen. Viele Burundier, die hier in der Stadt arbeiten und normalerweise regelmäßig ins Landesinnere fahren, um ihre Frauen und Kindern zu sehen, können es sich nun nur noch selten leisten. So sehen sie sich z.B. nur alle 3 Monate.
Die Verfügbarkeit von Waren hat sich deutlich verschlechtert, weil weniger LKWs fahren. Die Lebensmittelpreise sind dadurch gestiegen bzw. die Preise allgemein. Somit reicht das Geld nicht mehr, um jeden Tag Lebensmittel einzukaufen. Auch wir haben festgestellt, dass unsere Mitarbeiter aufgehört haben, abends zu essen. Das war für uns ein Alarmzeichen. Im neuen Jahr haben wir dann die Gehälter deutlich erhöht und zusätzlich eine Unterstützung in Form von Reis und Bohnen begonnen.
Aber leider werden die Gehälter in vielen Fällen nicht an die steigenden Preise angepasst. Im Gegenteil: die Mieten wurden flächendeckend auch erhöht. Die Menschen leiden wirklich unter der Inflation und den steigenden Preisen. Der Preis für Mehl ist beispielsweise seit Januar 2023 um 70% angestiegen.
Wir haben von verzweifelten Menschen an Tankstellen gehört, weil sie nicht zu Beerdigungen fahren konnten oder Weihnachten ohne ihre Familie verbracht haben. Jeder muss seine sozialen Kontakte einschränken und das belastet die emotionale Gesundheit auf Dauer. Das spüren wir auch. Einige Schulkinder konnten phasenweise nicht zur Schule, Professoren erschienen nicht zu Vorlesungen und in den Gottesdiensten merken wir auch, dass deutlich weniger Leute kommen können. Schlicht und ergreifend wegen den eingeschränkten Transportmöglichkeiten.
Wer von euch diesen Artikel bis hierhin durchgelesen hat, merkt, dass die Lage sehr ernüchternd ist. Es wäre einfach so eine Erleichterung, wenn diese Krise endlich bald ein Ende findet. Dann könnten alle durchatmen und ihre Kraft wieder für anderes einsetzen und einen normalen, gesunden Alltag führen. Auch die Wirtschaft könnte sich dann endlich wieder besser entwickeln. Solange die Spritkrise andauert, werden keine neuen Investoren ins Land kommen und neue Arbeitsplätze schaffen.
Bitte betet für Burundi. Für die Menschen hier, die mit den Folgen der Spritkrise tagtäglich leben müssen. Und für die Regierung, in deren Hand es liegt, die Zukunft dieses Landes zu gestalten.